Lies mal wieder (65)!
Thomas Mann:
Mario und der Zauberer
Obwohl die nur knapp 70 Seiten umfassende Erzählung von einem Italien-Urlaub handelt und in dem fiktiven Ort „Torre“ spielt, darf man sich „Mario und der Zauberer“ nicht als wohlige Ferien-Lektüre vorstellen. Zwar hat der 1930 veröffentlichte Text zu Beginn noch humorvolle Züge, als nämlich eine römische Fürstin für den Umzug der vierköpfigen Familie aus dem Hotel in eine Pension sorgt und der Vater von der Obrigkeit schwer gemaßregelt wird, weil er seiner achtjährigen Tochter am Strand gestattet hatte, nackt von der Strandhütte zum Wasser zu laufen, um den Badeanzug auszuwaschen. Doch wirklich heiter sind die Schilderungen nicht, da Mann explizit auf den damals aufkommenden italienischen Nationalismus verweist.
Das latente Unbehagen steigert der Autor dann konsequent bis zum abrupten und tragischen Ende der Variete-Aufführung und des „Zauberers“ Cipolla. Mann schildert virtuos, wie der Hypnotiseur das Publikum zusehends in seinen Bann zieht, den Einsatz aber mit dem Leben bezahlen muss. Da ihr verständnisloser Enthusiasmus an der Vorstellung einen herben Kontrast zu den Ereignissen bildet, steigern die Kinder die Spannung enorm. Warum so ein Buch lesen? Die Begründung ist dieselbe, die der Ich-Erzähler auf die Frage gibt, warum er und seine Frau den Urlaub nicht abbrachen oder das Variete nicht wenigstens zur Pause verließen: „Es ging hier geradeso merkwürdig und spannend, geradeso unbehaglich, kränkend und bedrückend zu, wie in Torre überhaupt, ja, mehr als geradeso: dieser Saal bildete den Sammelpunkt aller Merkwürdigkeit, Nichtgeheuerlichkeit und Gespanntheit, womit uns die Atmosphäre dieses Aufenthalts geladen schien“. Hier ist das große Literatur – in der Glotze meist nur Schrott.
Steht in der Stadtbücherei!