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Lies mal wieder (59)!

Florian Illies:
Wenn die Sonne untergeht

Wie sich das wohl anfühlt, nach einem Urlaub nicht mehr ins eigene Heim zurückkehren zu können und stattdessen ins Exil zu müssen? In ein Exil, von dem niemand weiß, wie lange es dauern wird und wo er sich niederlassen soll? Wer sich auf das Gedankenspiel einlassen will, liegt beim aktuellen Buch von Bestseller-Autor Florian Illies über den Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann und seine Familie genau richtig. Mann erwischte es 1933 eigentlich noch schlimmer, weil ihm als dem Repräsentanten der deutschen Kultur schlechthin plötzlich die geistige Heimat abhandenkam. Denn für den kultivierten Literaten hatten die Nationalsozialisten als neue Machthaber nur Verachtung übrig.
Illies schildert also die miese und angespannte Stimmung im Clan, verschiedene Versuche, Teile des Vermögens und andere Wertgegenstände aus Nazi-Deutschland zu schaffen und den langwierigen Prozess, bis die Familie nach verschiedenen Stationen in der Schweiz und Frankreich endlich ein neues Domizil in Sanary an der Côte d’Azur fand. Illies schildert aber viel mehr: Das gesamte Liebesleben sämtlicher Familienmitglieder und verschiedener Schriftstellerkollegen, die damals ebenfalls in das beschauliche Fischerdorf kamen, darunter Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig oder Aldous Huxley. Und Illies schildert ausführlich das mitunter wehleidige Gebaren des Nobelpreisträgers, indem er ausführlich aus den umfangreichen Tagebüchern zitiert. Während „Wenn die Sonne untergeht“ zunächst nachdrücklich fatale individuelle Folgen einer Diktatur beschreibt, treten im weiteren Verlauf persönliche Befindlichkeiten immer stärker in den Vordergrund. Das erinnert manchmal an Klatsch – natürlich auf sehr hohem Niveau. Eines darf man dabei nicht vergessen: Trotz aller Ängste und Sorgen war die Gruppe von Sanary wegen ihrer Bekanntheit und finanziellen Mittel privilegiert. Kein Vergleich zu der übergroßen Masse an Exilanten ohne Geld, ohne Papiere, ohne Hoffnung.
Hat die Stadtbücherei.

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